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Das Universum spricht sehr, wirklich sehr laut und deutlich!

4. Januar 2015

Teil 2

Mit mehr als einer Rotation des kleinen Zeigers Verzug erreichten wir meinen einzigen ursprünglich geplanten Zwischenhalt und Umsteigebahnhof. Der von mir gewählte Regionalexpress war natürlich schon weg und so machte ich mich ein wenig nervös auf die Suche nach einem Ersatz. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt Kenntnis des weiteren Verlaufs gehabt, ich hätte meine Nervosität gegen ein hysterisches Lachen getauscht.

Geleitet von Fahrplänen und Beschilderungen, deren Logik dem Bahnunkundigen für immer ein Rätsel bleiben (Wieso zur Hölle liegen Gleis 109 und 110 zwischen den Gleisen 7 und 12? Und was ist dem armen Gleis 11 zugestoßen?), fand ich dann doch das Gleis, an dem ein Zug eintreffen soll, der mich zu meinem Ziel bringt. Wohlgemerkt, der Zug SOLL auf dem Gleis ankommen. Tat er aber nicht, zumindest eine ganze Weile nicht!

Während sich das Quadrat unserer Smoker-Zone mit immer mehr Nikotinsüchtigen füllte mischte sich in das Durcheinander der Gespräche über Bahnverspätungen eine Durchsage, die sich aber gezielt nicht an die Reisenden, sondern vielmehr an die mit Sicherheitsaufgaben betrauten Mitarbeiter- und innen richtete. Jene wurden unverschlüsselt über einen Sicherheitsvorfall unterrichtet. Just in diesem Moment fiel mir die Abwesenheit eines für diesen Ort übliches Geräuschkonglomerats auf. Rein auf Transportmittel bezogen war es still, absolut still. Was auf den zweiten Blick auch nicht ungewöhnlich war, fuhr oder stand doch nicht ein einziger Zug in diesem Bahnhof. Allerdings löschte das Wissen, nicht allein hier zu stehen den Gedanken über einen möglichen Feierabend bei der Bahn schon in der Entstehung aus.

Der mobilen Kommunikation war es gedankt, dass wir über die aktuellen Geschehnisse auf dem Laufenden blieben. Das Gefühl etwas zu vermissen war die vereinende Komponente aller Anwesenden. Ein Herr neben mir vermisste seine Tochter. Diese wiederum vermisste mitsamt ihrem Zug einen Bahnhof, welcher, die Reisenden eingeschlossen, eben jenen Zug vermisste. Durch die fernmündliche Kommunikation zwischen Vater und Tochter wurde den Umstehenden einiges klarer: 1. Die Informationsübertragung zwischen der zentralen Bahnstelle und den Zuginsassen ist schneller als die zu den Bahnsteigen und 2. gab es im Bereich des Bahnhofs jemanden, der freiwillig seinen Beitrag zur Reduktion der Überbevölkerung leisten wollte. Da weder Bahn, noch Zug, geschweige denn ein Zugführer sich an dieser Aktion aktiv beteiligen wollten, wurde sicherheitshalber der komplette Zugverkehr gestoppt.

Ich hatte Verständnis!

Als sich jedoch nach längerer Zeit noch immer keine Züge einfanden, wurde der Gedanke laut geäußert, wir könnten doch gemeinsam nach dem Lebensmüden suchen, ihm gewaltsam seinen Wunsch erfüllen und unsere Reise fortsetzen. So hätten alle, was sie sich erhoffen.

Ich hatte Verständnis, großes Verständnis, sehr großes sogar! Das Lächeln der Uniformierten ließ den Schluss zu, dass sie dieser Idee nicht grundsätzlich negativ gegenüberstanden.

Die Minuten verstrichen und als sich endlich im Schritttempo der lang ersehnte Regionalexpress zu seinem Platz an der Bahnsteigkante bewegte, kam auch sogleich Bewegung in die Reisenden. Die stattliche Anzahl an Fahrgästen, die ausgereicht hätte in drei weiteren Zügen jeden Sitzplatz zu okkupieren, drängte durch die geöffneten Türen in das Transportmittel, beseelt von der Hoffnung, alsbald diesen vermaledeiten Ort verlassen zu können. Man sagt, die Hoffnung stirbt zuletzt. Dort wurde ihr allerdings, kaum das sie aufkeimte, sogleich das noch winzige Licht des Lebens erbarmungslos durch das schwarze Tuch des Todes in Form einer Durchsage gelöscht. Unser Zugführer ließ uns wissen, das auf Grund eines Blindgängers und seiner bevorstehenden Entschärfung die Strecke gesperrt sei. Der Turm meines Verständnisses begann zu wanken. Die Abfahrt, so der Herrscher über unzählige Kilowatt leider an den Bahnhof gefesselter elektrischer Antriebsenergie, würde sich so lange verzögern, dass für die Raucher genug Zeit für eine Zigarette bliebe. An dieser Stelle sei verraten, es blieb nicht bei der Einen! In gleichem Maße, wie die Zeit verstrich, entwich auch der Anteil atembarer Luft in den Waggons. War der Wunsch nach Wärme vor einigen Minuten auf dem zugigen und kalten Bahnsteig immens groß gewesen, so freute sich ein jeder über jeden Raucher der ein- oder ausstieg. Wurde doch dadurch das unsichtbare Gemenge aus Hund, Kleinkinderhintern, Glühweinatem und dem, was ein menschlicher Körper an Atmosphärenveränderung auszudünsten vermochte, für den Bruchteil einer Sekunde neu gemischt und mit einer kleinen Prise Sauerstoff angereichert.

Langsam, wie der an den Fenstern kondensierte Albtraum einer Atemluft an den Fenstern herabrinnte, fiel der Turm meiner Zuversicht in sich zusammen. Die Durchsage, unsere Abreise würde sich auf unbestimmte Zeit verzögern, ließ ihn vollends in sich zusammenbrechen. Einzig die offene Art meiner Mitgefangenen in dieser blechernen Zeitvernichtungsmaschine sorgte dafür, dass sich mein Verstand nicht aus dieser Welt verabschiedete. Doch grade, als ich mich in einer Gesprächspause der aufkommenden Ohnmacht hingeben wollte, geschah das Wunder. Ein Gefühl von beinahe vergessenen Effekten erreichte mein Innenohr! Nicht ausgelöst durch aktive Bewegung meiner Selbst, sondern durch das passive mitgerissen werdens. Wir fuhren! Weniger als zwei Minuten nach der verheerenden Mitteilung unseres Kutschers fuhren wir tatsächlich aus dem Bahnhof heraus in die Schwärze der bereits angebrochenen Nacht. Halleluja! entfuhr es mir innerlich und bei meinen Mitreisenden sah ich so etwas wie ein Lächeln, auch wenn es nicht wirklich befeit wirkte. Wohl deshalb, weil die Erfahrungen der letzten Stunden hatten gezeigt, dass alles noch schlimmer kommen kann. Je länger die Fahrt dauerte, umso entspannter wurden alle. Gespräche verließen die Themenbereiche Verspätung, Bahn, verpasste Gelegenheiten und Züge und es verbreitete sich eine als positiv zu bezeichnende Grundstimmung. Tatsächlich glaubte ich zwischendurch sogar, jemand würde ein Weihnachtslied summen.

Kurz vor erreichen meines Ziels wich meine Euphorie jedoch einem anderen Gefühl. Über Jahre hinweg, auf zahlenmäßig kaum noch zu erfassenden Kilometern Strassen, trainierten Sinneszellen reagierten plötzlich auf die ungewohnten Eindrücke. Beschleunigung, bremsen, durchfahren von Kurven wurde mit der gewohnten Präzision erfasst, ließen sich aber nicht mit den visuellen Rückmeldungen in Einklang bringen. Diese Differenz zwischen vestibulärer und optischer Wahrnehmung ließ meinen Körper an eine Vergiftung der schlimmsten Art denken und meine bewusstes Selbst sah sich außer Stande diesen Irrtum zu korrigieren. Es blieb ihm nichts Anderes übrig, als zeitgleich zwei Ziele zu verfolgen, nämlich den Ausstoß von vermeintlich verdorbenen Lebensmitteln unter allen Umständen zu verhindern und, sollte dieser Plan fehlschlagen, ein Behältnis zu finden, welches von Größe und Beschaffenheit ausreichend wäre, das Ergebnis der drohenden Vomitation aufzunehmen. Ein Duell zwischen Reflex und Ego entbrannte und kurz bevor der Reflex die Oberhand gewann, hielt der Zug für mich ein letztes Mal. Meine Station war erreicht. Ziel einer langen Odyssee, gespickt mit einer solchen Macht an Hindernissen, die einen Zufall unglaubwürdig erscheinen lassen.

Einen stummen Gruß später (mein Mund musste sich auf anderes als Abschiedsfloskeln konzentrieren) stolperte ich aus dem Reisegefährt. Luft! Frische, kühle Luft! Ich saugte das Produkt oxygener Photosynthese tief durch die Nase ein. Meinen Mund zu öffnen traute ich mich in diesem Stadium noch nicht!

Je klarer die Luft wurde, desto klarer wurde auch mein Verstand. Und auch meine Wahrnehmung für das Besondere, Unhörbare, die kleinen Hinweise, welche mich mit so brachialer Gewalt auf die Mitteilung des Universums aufmerksam machen wollten. Vor meinem inneren Auge entschlüsselte sich, mit ihren großen, leuchtenden Buchstaben einer Reklametafel aus Las Vegas nicht unähnlich, die Botschaft! Eine Botschaft des Universums, adressiert an mich, wegweisend für mein zukünftiges Leben:

„Du gehörst auf die Strasse, nicht auf die Schiene! Dämlicher Penner!“

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From → Reisen

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