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Schnelles Essen, wenig Zutaten

12. November 2013

Es ist Samstag, mein Kopf brummt, mein Magen knurrt. Der Freitag hat seine Spuren hinterlassen. Niemals wieder würde ich die Regeln des MI-7 missachten und die Drinks tatsächlich trinken. Es hatte sich aber gelohnt! Anouschka, die Sekretärin des Botschafters war zwar eine harte Nuss, aber nach einer ausreichenden Menge Vodka wurde sie mehr als gesprächig. Alle Ergebnisse waren es Wert, zumindest fast alle. Das Gefühl, dass der Mann mit dem Laubbläser ein Stelldichein mit Presslufthammer Bernhard hatte und die beiden keinen besseren Treffpunkt wussten, als den Innenhof meines Schädels, gehörte mit Sicherheit nicht zu den wertvollen Ergebnissen des Abends. Ein schnelles und einfaches Essen würde Geist und Körper wieder in die Verfassung bringen, die man von einem Commander des MI-7 erwarten würde. Ein Essen und die Aspirin, die leise rauschend im Wasserglas versinkt.

Meine halbgeschlossenen Augen verfolgen den Tanz der sich auflösenden Brausetablette.

So wie die Bläschen im Glas aufsteigen, drängt die Idee an die Oberfläche, wie der knurrende Magen zum Schweigen gebracht werden kann. Mein Blick fällt durch das Küchenfenster auf die regennasse Strasse, das feuchte Laub und den wolkenverhangenen Himmel. Die Erkenntnis, dass der Herbst endgültig Einzug gehalten hat, lässt die Idee zur Überzeugung werden. Heute gibt es Kürbis.

Ich atme tief durch und stürze die Medizin in einem Zug hinunter. Während meine linke Hand das leere Glas in einer geschickten Bewegung in die Spülmaschine befördert, strecke ich mein rechtes Bein aus und tippe mit dem kleinen Zeh die Zahlenkombination für Vorheizen und die Temperatur von 200° C ein. Aus der Drehung heraus greife ich den Butternusskürbis und mein Sykes Fairbairn Messer und teile den Kürbis mit zwei Hieben in vier Teile. So schnell und sauber wie ich damals dem amerikanischen Marine die Schrotkugeln aus seinem Bein entfernt habe, befreie ich die Kürbisviertel von ihren Kernen. Anders als das Bein verarbeite ich die Viertel zu gleichmäßigen Scheiben. Ich bin mir sicher, der Marine ist mir noch heute dankbar dafür. Sowohl für das Entfernen, als auch für sein intaktes Bein.

Damit auch mein Körper in diesem tadellosen Zustand bleibt, reichen Gemüse, die täglichen 20km Läufe und die 5km im offenen Wasser zu schwimmen bei weitem nicht aus. Jeder Faser meiner stahlharten Muskeln schreit förmlich nach tierischem Eiweiß. Die Kürbisscheiben sind geradezu ideal als Beilage zu einer guten Hähnchenbrust. Beinahe so, wie die kubanische Schönheit zu meinem letzten Auftrag in Havanna passte. Conchita…nie vergesse ich ihre geschickten…

Lächelnd, mit einem Kopfschütteln schiebe ich die Erinnerungen beiseite. Ich konzentriere mich wieder auf meine aktuelle Aufgabe. Das Dröhnen in meinem Kopf ist zu einem leichten Säuseln abgeklungen. Ich greife mir die Hähnchenbrust und will sie gerade in die Aluform legen, als mir klar wird, dass ich die letzte Schale verbraucht habe, um den Empfänger der funkgesteuerten Bombe unter dem Schulbus unwirksam zu machen. Verdammt! Ich sollte es besser wissen und jede noch so kleine Mission präzise Vorbereiten. Aber nicht umsonst kennt man mich auch unter dem Namen „Das tödliche Genie der Improvisation“. Ich werfe das Fleisch in die Luft, greife mir die Alufolie, reiße ein Stück ab und noch bevor sich die flugunfähige Hähnchenbrust dem roten Marmor meines Küchenbodens nähert, habe ich die Folie zu einer Schale gefaltet, die sogar meinem asiatische Origami Lehrmeister Qi-Chen-Der ein Nicken entlockt hätte.

Zu der Hähnchenbrust gesellen sich jetzt die Scheiben des Butternusskürbis. In Reih und Glied stehen sie um das Fleisch wie letzte Woche die Schergen um ihren Anführer. Hätten sie sich so dicht aufgestellt, wie ich das Gemüse, ich wäre nicht nah genug herangekommen um dem Terroristen den Peilsender an seinen Second-Hand Kampfstiefeln zu befestigen. In Gedanken klopfe ich mir selbst auf die Schulter. Solche Tage sind es, die meiner Existenz die nötige Würze verleihen. A propos Würze. Für mein Essen benötige ja noch die richtigen Gewürze. Ich ziehe den Gürtel meines Armani Hausmantels etwas fester und fühle in der Manteltasche nach den Schlüsseln des Golfkarts. Nur Sekunden später fahre ich die Allee in meinem bescheidenen Garten hinunter, vorbei an der Kopie des Trevi-Brunnens, den mir der italienische Präsident für die Geiselbefreiung im letzten Winter geschenkt hat, bis hin zu meinem Gewächshaus.

Die feuchte Wärme umfängt mich als ich eintrete. Prüfend streiche ich über die Oreganopflanzen, bis ich endlich ein annehmbares Exemplar gefunden habe. Mit chirurgischer Präzision entferne ich genau die Stängel, die mein Wohlwollen gefunden haben.

Auf dem Rückweg halte ich am Haus meines Gärtners und schleiche katzengleich an sein Küchenfenster. Leuchtend rot steht das Objekt meiner Begierde auf der Fensterbank. Man kann viel über Luciano sagen, über seine Abneigung gegenüber Menschen beispielsweise, aber es ist eine Tatsache, dass er den besten Chili der Welt züchtet.

Irgendwann werde ich einen Weg finden, ihm das Geheimnis zu entlocken. Bis dahin allerdings werde ich mich an seiner Fensterbank bedienen müssen. Ich kann schließlich nicht meine beruflichen Erfahrungen im Bereich der „Informationsbeschaffung“ an Luciano anwenden. Er würde nie wieder ein Wort mit mir sprechen, wenn er es überleben würde.

Zurück in meiner Küche öffnet die scharfe Klinge meines Sykes Fairbairn die rote Frucht.

Auch wenn ich mehrmonatige Gefangenschaft in Nordkorea ertragen habe, so ist das alles nichts gegen die Wirkung von Capsaicin auf meine Verdauung. Angewidert entferne ich die schmerzverheißenden Samen und verwandele den verwertbaren Rest in kleine Streifen. Nachdem ich den Chili mit der gleichen Kaltblütigkeit entschärft habe, wie die Nuklearsprengköpfe auf dem havarierten U-Boot , greife ich mir die vorher so penibel ausgewählten Oreganostengel und ziehe sämtliche Blätter mit der mir eigenen zarten Härte ab.

Aus meinen Titanstahl-Gewürzmühlen lasse ich eine gehörige Portion des handgeschöpften Salzes aus dem chilenischen Hochland sowie des schwarzen Pfeffers, den mir vor Jahren der Sultan von Brunai persönlich überreicht hat auf die Hähnchenbrust fallen. Um nicht noch mehr Zeit zu verlieren und meine Mission zu einem guten Ende zu führen, werfe ich ganz lässig die Chilistreifen und Basilikumblätter auf die Brust und verteile noch ein wenig meines Lieblingsolivenöls darauf. Ach ja! Wieder muss ich lächeln. Wenn die Olivenölmafia etwas gutes hervorgebracht hat, dann dieses Öl!

Bevor ich die fabelhaft gefaltete Aluschale mit den Zutaten der Hitze des Ofens aussetze verteile ich reichlich Creme Double auf den Kürbisstücken. Ich hoffe, es wird sie genauso zuverlässig vor der Hitze schützen wie mich, als ich damals die Geheimdokumente aus dem brennenden Versteck des Diktators retten musste. Das aufkommende Schmunzeln erstirbt auf meinen Lippen und wird zu einer bitteren Miene. Alle aus meinem Team sind vor der Gluthitze des Feuers geflüchtet. Ich habe mich bis zur Küche durchgeschlagen und dank der Creme Double die mörderischen Temperaturen ertragen und die Papiere geborgen.

Ich schiebe die fertig zubereitete Hähnchenbrust in den vorgeheizten Ofen. Wie immer verzichte ich auf einen Wecker, denn meine innere Uhr läuft präziser als jeder Chronometer. Nach genau 31 Minuten in der ich meinen Drei-Tage-Bart perfekt geschnitten, ausgiebig geduscht und meinem Verbindungsmann bei der CIA einen verschlüsselten Text dechiffriert habe ziehe ich die Hähnchenbrust ins Freie.

Ich sitze am Tisch und während ich den ersten Bissen dieses perfekten Essens mit Genuss zerkaue denke ich an Anouschka. Wie es ihr jetzt geht?

Für die Normalen unter uns:

Den Ofen auf 200 °C vorheizen. 1 Hähnchenbrust mit Haut in eine Schüssel legen. 1/2 frische rote Chilischote von den Samen befreien, in Ringe schneiden und mit den Blättern einiger Oreganostängel, 1 Prise Meersalz und frisch gemahlenem schwarzem Pfeffer dazugeben. Durchmischen. 1 Butternusskürbis vorsichtig vierteln. Von einem Viertel die Kerne entfernen und das Kürbisviertel in feine Scheiben schneiden. Das Fleisch mit allen Zutaten aus der Schüssel in die Form füllen, die Kürbisscheiben möglichst eng um das Fleisch legen. Behutsam ein wenig Créme double auf den Kürbisscheiben (nicht auf dem Fleisch!) verteilen. Mit Salz und Pfeffer würzen, etwas Olivenöl darüberträufeln und 25–35 Minuten auf der mittleren Schiene im Ofen garen.

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Butternut Squash

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From → Essen

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